Der Zauberer

Zauberer haben es heutzutage nicht leicht. Viele ihrer Tricks sind im Internet in Zeitlupe zu besichtigen und die Freude des Publikums, Kunststücke zu enttarnen, scheint fast größer, als sich von ihnen verzaubern zu lassen. Kinder sind bekanntermaßen ein äußerst kritisches Publikum. Das machte die Sache für unseren Zauberkünstler, der zwei Stunden im Rahmen der Aktion „Stadtzauber“ zu füllen trachtete, nicht eben einfacher.

Die Show begann mit einigen Seilen, welche auf wundersame Weise Knoten bekamen, bzw. sich dieser wieder entledigten. Dann wurden sie zerschnitten und blieben doch ganz. Es war nicht gerade so, dass uns der Atem stockte, aber doch sehr ansehnlich. In der ersten Reihe, ganz vorne, saßen vier etwa zehnjährige Knaben, die von Beginn an auf eine Art fröhlichen Krawall gebürstet schienen. Sie kommentierten praktisch jede Bewegung des Zauberkünstlers, erklärten, den einen oder anderen Trick bereits auf YouTube gesehen zu haben und stellten lauthals Vermutungen über den Fortgang der Show an: „Haha, gleich macht er das so…“. Auch mit Kritik hielten sie sich nicht zurück.

In der nächsten Nummer stand eine Zeitung im Mittelpunkt, welche zerschnitten wurde, sich wieder zusammenfügte, schließlich lief sogar Wasser heraus. Wieder das gleiche Spiel: Der größte Teil des Publikums zugeneigt bis fasziniert und unsere Zehnjährigen um keinen Kommentar verlegen. Schließlich unterbrach der Zauberer, schaute Hilfe suchend ins Publikum und erkundigte sich, ob denn die Eltern der Kinder anwesend seien. Das Auditorium war bunt gemischt. Eltern, Kinder, Onkels Nichten und Neffen füllten die Reihen. Ausgerechnet die Eltern dieser Jungen aber hatten sich ihrer Kinder zumindest für die Dauer der Zaubershow entledigt und befanden sich nicht unter den Zuschauenden. Der Zauberkünstler zuckte unmerklich die Schultern und fuhr dann mit seiner Darbietung fort.

Es folgte die Abteilung Kartentricks und Gedankenspiele, die eine gewisse Konzentration auch auf Seiten des Publikums erforderte. Das war mit der Vierergang absolut nicht zu machen. Schließlich unterbrach der Zauberer seine Show ein zweites Mal, diesmal aber sprach er nicht die Zuschauer im Allgemeinen an. Er verließ ganz langsam die Bühne, näherte sich der ersten Reihe und beugte sich zu den Jungs hinab. Dann sagte er etwas zu ihnen, es war aber zu leise, als dass es irgendjemand anders hätte verstehen können, obwohl es im Saal mucksmäuschenstill geworden war. Der Zauberer lächelte, nickte und kehrte auf die Bühne zurück. Er fuhr in seiner Darbietung fort.

Die Vier saßen kerzengerade und höchst aufmerksam in der ersten Reihe. Sie sagten die ganze verbliebene Zeit über kein einziges Wort mehr. Dabei wirkten sie aber überhaupt nicht eingeschüchtert oder ängstlich, sondern gelöst und einfach interessiert. Am Ende der Show klatschten sie von allen am lautesten. Für mich persönlich war der Zauberspruch, den der Meister den Jungs zugeraunt hatte, eindeutig der Höhepunkt dieses Abends. So mancher Lehrer wäre bestimmt dankbar für die Formel. Sie wäre ein Hit in der Erwachsenenbildung. Und auch in meinem Bekanntenkreis wüsste ich einige Gelegenheiten, sie anzubringen.