Prosit!

Es war dieser eine Tag, an dem der Sommer zu Ende geht. Ein verrückter Tag. Ein Tag, den wir alle ganz genau erkennen. Ein Teil der Menschen trägt noch bauchfreie Shirts und ein anderer Teil hat sich bereits in den Übergangsmantel gehüllt. Wir merken: Es ist soweit. Noch einmal Sonne satt und den Sommer heraufbeschwören, bevor er in der Erinnerung verklingt. Ich saß am Nachmittag in einem gut gefüllten Biergarten und betrachtete frohgemut die Menschen um mich herum. Uns alle schien das Gefühl für diesen besonderen Tag zu einen, und die Sonne strahlte mit den Gesichtern um die Wette. Vor mir stand ein halber Liter frisch gezapftes, kühles Bier mit einer herrlichen Schaumkrone. Einige Wassertropfen perlten am Glas hinunter, das Behältnis war leicht beschlagen. Ich war ziemlich auf das Getränk fokussiert, den älteren Herrn, der sich meinem Tisch näherte, hatte ich nicht im Blick. So lange nicht, bis er direkt neben mir stand. Er streckte die Hand nach meinem Bier aus, ergriff das Glas und setzte es mit kühnem Schwung an. Perplex beobachtete ich, wie er den halben Liter leerte. Sein Adamsapfel bewegte sich dabei kaum, es ging alles sehr schnell. Anschließend stellte er das Glas wieder ab, strich sich durch seinen weißen Bart und atmete hörbar aus: Ahhhh.

„Das habe ich jetzt gebraucht“, erklärte er, „das war richtig gut!“
Ich blickte ihn fassungslos an. Er zwinkerte mir zu.
„War bloß Spaß“, sagte er und legte eine 5-Euro-Note neben das leere Glas. Ich zögerte einen Moment.
„Gestatten Sie mir, Sie einzuladen“ erwiderte ich dann und schob die Banknote in seine Richtung zurück. Nun war es an ihm, überrascht zu schauen.
„Da sind Sie der erste“, sagte er. Ich deutete eine Verbeugung an.
„Tatsächlich…“ fuhr er fort, „ich habe sogar schon einmal in Erwägung gezogen, einen Selbstverteidigungskurs bei der Volkshochschule zu belegen, denn es reagieren bei weitem nicht alle so entspannt wie Sie.“
„Gute Idee“, sagte ich.
„Was?“ fragte er.
„Einen Volkshochschulkurs zu belegen“, erwiderte ich. Er wechselte das Thema.
„Möchten Sie noch etwas bestellen?“ erkundigte er sich. Ich schüttelte den Kopf.
„Mehr als ein Glas vertrage ich in der Sonne nicht“, sagte ich.
„Aber Sie hatten doch noch gar keines“, gab er zu bedenken.
„Ich fühle mich aber schon so“, sagte ich. Er zuckte bedauernd die Schultern. Ich wollte das Gespräch nicht beenden, ohne eine bestimmte Information von ihm erhalten zu haben:
„Machen Sie das öfter?“
„Nur an ganz besonderen Tagen“, sagte er. Und heute war dieser eine Tag, an dem der Sommer zu Ende geht.

Bild: 123rtfgivaga