Ein Wolf

Ein Wolf

„Guck mal, ein Wolf“, sagt meine Frau.

Wir befinden uns auf dem Vorplatz der Volkshochschule, ich habe ihr gerade meinen neuen Arbeitsplatz gezeigt.

„Wo?“ erkundige ich mich.

„Da vorne“, antwortet sie

Tatsächlich streicht dort ein durch und durch graues Tier ohne Halsband an den Büschen entlang, knappe 5 Meter entfernt. Selbst wenn es kein Wolf ist, sondern ein Hund – schon eigenartig, so ein Tier ohne Aufsicht.

Eine sportliche Mittdreißigerin nähert sich dem Wolf und spricht ihn an.

„Komm jetzt“, sagt sie. Sie wirkt ganz entspannt. Vielleicht war sie gerade beim Yoga.

Der Wolf ignoriert sie. Sie zuckt die Schultern, berührt das Tier und geleitet es langsam in unsere Richtung. Ich erkenne, dass es sich um einen ziemlich alten Hund handelt – darum auch die graue Färbung.

„Sieht aus wie ein Wolf“, sage ich.

Sie lacht: „Ja, und verliert leicht die Orientierung!“

Der Wolf steht jetzt direkt vor mir, scheint mich aber nicht zu erkennen. Ich strecke meine Hand aus. Das Tier leckt mir über den Handrücken.

„Und gleich einen Schmatzer“, sagt die Frau.

„Hat wohl schon einige Jahre auf dem Buckel“, vermute ich.

„Ein Welpe ist sie nicht mehr“, erwidert die Frau.

Sie geleitet den Hund zu ihrem Auto. Öffnet die Heckklappe. Hilflos steht das Tier davor. Die Frau hebt sanft die Hinterläufe an und bugsiert den Hund auf die Ladefläche. Er schaut noch mal raus, sie gibt ihm eine Streicheleinheit, dann schließt sie die Klappe vorsichtig. All das geschieht ganz selbstverständlich und trotzdem mit zärtlicher Anmutung. Der Wagen startet und entfernt sich.

„Toll“, sagt meine Frau.

„Was denn?“ frage ich

„Dass man im Alter so unterstützt wird!“

Wenn man nicht mehr gehen kann. Wenn man müde ist. Wenn man den Weg nicht mehr findet. Wenn man nicht mehr ein- oder aufsteigen kann. Wenn man Hilfe braucht.

„Sie hat das Tier richtig gern“, sagt meine Frau

Ich nicke.

„Hoffentlich hat uns auch mal jemand so gern“, sagt meine Frau.

Bild: Pixabay